Funktionieren die Kaffeebohnen in der Parfümerie?

Funktionieren die Kaffeebohnen in der Parfümerie?

In fast jeder Parfümerie steht eine Schale mit Kaffeebohnen. Daran soll man riechen, um die Nase zwischen zwei Düften zurückzusetzen. Es wurde getestet: Kaffee schnitt nicht besser ab als Zitronenscheiben — und nicht besser als einfach Luft. Hier steht, woher der Mythos kommt und was stattdessen funktioniert.

Zuhause testen statt fünf Sekunden im Laden

Nach dem dritten Teststreifen ist deine Nase durch. Ein Duft braucht Tage, keine Sekunden. Deshalb gibt es SŌLA im Dreierset — drei Düfte, in Ruhe, über Wochen, an dir selbst.

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Zu den Düften

Was die Untersuchung ergeben hat

Am Beloit College, Fachbereich Psychologie, hat eine Gruppe um Alexis Grosofsky die Frage 2011 direkt geprüft. Der Aufbau war unkompliziert.

Studierende rochen an drei Düften und bewerteten sie, mehrfach hintereinander, über neun Durchgänge. Danach wurde die Gruppe geteilt: Ein Teil roch an Kaffeebohnen, ein Teil an Zitronenscheiben, ein Teil an schlichter Luft. Anschließend sollten alle angeben, welcher von vier vorgelegten Düften vorher nicht dabei gewesen war.

Ergebnis der Untersuchung
Kaffeebohnen gegenüber Zitronenscheiben
kein Vorteil
Kaffeebohnen gegenüber einfacher Luft
kein Vorteil

Grosofsky A. et al.: An exploratory investigation of coffee and lemon scents and odor identification. Perceptual and Motor Skills, 2011. pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/21667761

Zur Einordnung, weil das dazugehört: Es handelt sich um eine kleine, explorative Studie, nicht um eine große klinische Untersuchung. Der Punkt trägt trotzdem — denn auf der Gegenseite steht überhaupt kein Beleg. Für die Wirksamkeit der Kaffeebohnen gibt es keine einzige Untersuchung, die sie zeigen würde.

Warum es auch theoretisch nicht funktionieren kann

Um zu verstehen, warum die Idee scheitern muss, muss man wissen, was sie zu lösen vorgibt.

Wenn du mehrere Düfte hintereinander riechst, ermüden deine Riechrezeptoren. Der Vorgang heißt olfaktorische Adaptation: Bei anhaltender Reizung werden die Rezeptoren unempfindlicher, und das Gehirn filtert das gleichbleibende Signal zusätzlich heraus. Der Sinn dahinter ist Kontrastwahrnehmung — deine Nase soll Veränderungen erkennen, nicht Dauerzustände. Ausführlich steht das in Warum rieche ich mein eigenes Parfum nicht mehr?

Und jetzt die Frage, an der die Kaffeebohnen-Idee zerbricht: Warum sollte man ein überreiztes System dadurch entlasten, dass man ihm einen weiteren starken Reiz gibt?

Kaffeearoma besteht aus hunderten flüchtigen Verbindungen. Es ist kein neutraler Nullpunkt, sondern einer der intensivsten Alltagsgerüche überhaupt. Es gibt keine physiologische Erklärung dafür, warum diese Verbindungen die Rezeptor-Adaptation rückgängig machen sollten. Was tatsächlich passiert, ist eher das Gegenteil: Du fügst dem Durcheinander noch einen Geruch hinzu.

Der Effekt, den Leute beim Kaffeeriechen empfinden, gilt als psychologisch. Es ist ein Bruch in der Routine — man hält kurz inne, atmet anders, richtet die Aufmerksamkeit neu aus. Das ist nicht nichts. Es ist nur nicht der Kaffee.

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Untersuchungen, die einen Vorteil von Kaffeebohnen gegenüber schlichter Luft nachweisen.

Woher der Mythos stammt

Ehrliche Antwort: Das ist ungeklärt.

Es kursieren mehrere Erzählungen. Eine verweist auf französische Parfümerien, eine andere auf Pathologen, die gemahlenen Kaffee gegen Verwesungsgeruch benutzt haben sollen. Für keine davon gibt es einen belastbaren historischen Beleg. Die zweite ist besonders beliebt, weil sie eine gute Geschichte abgibt — was ein schlechter Grund ist, sie zu glauben.

Wahrscheinlicher ist die unspektakuläre Variante: Irgendwann stand irgendwo eine Schale, es sah gut aus, es fühlte sich hilfreich an, und der Rest der Branche hat es übernommen. So entstehen die meisten Rituale.

Der Vergleich, der am besten passt: Kaffeebohnen sind der Ampelknopf der Parfümerie. Du drückst, du fühlst dich beteiligt, die Schaltung läuft nach ihrem eigenen Takt.

Was tatsächlich funktioniert

Die eigene Armbeuge

Die Innenseite deines Ellenbogens trägt normalerweise kein Produkt. Dein eigener, unparfümierter Hautgeruch ist der einzige echte Nullpunkt, den du immer dabeihast. Fachleute in der Branche machen genau das.

Frische Luft und eine echte Pause

Zwei Minuten vor die Tür wirken mehr als jedes Ritual im Laden. Adaptation löst sich, sobald die Exposition endet — das braucht Zeit, keinen Gegengeruch.

In einer Duftfamilie bleiben

Wenn du drei Zitrusdüfte hintereinander vergleichst, kannst du sie besser auseinanderhalten als Zitrus, dann Oud, dann Vanille. Sprünge zwischen sehr unterschiedlichen Familien überlasten die Wahrnehmung zusätzlich.

Höchstens drei Düfte pro Besuch

Nach dem dritten oder vierten wird die Unterscheidungsfähigkeit ohnehin unzuverlässig. Alles danach ist geraten.

Das eigentliche Problem beim Duftkauf

Die Kaffeebohnen sind nur ein Symptom. Das größere Problem liegt darunter: Man kann in einem Laden nicht herausfinden, ob ein Duft zu einem passt.

Das hat zwei Gründe. Erstens die Adaptation — nach wenigen Düften ist die Nase kein verlässliches Messinstrument mehr. Zweitens die Zeit: Fünf Sekunden am Handgelenk zeigen dir ausschließlich die Kopfnote. Das ist der flüchtigste Teil einer Duftkomposition, und er ist nach zwanzig Minuten weitgehend verschwunden. Was danach kommt — Herz- und Basisnoten, und wie sich das alles auf deiner Haut entwickelt — hast du im Laden nie gerochen.

Deshalb landen so viele teure Flakons nach zwei Wochen im Regal. Nicht, weil der Duft schlecht wäre. Sondern weil die Kaufentscheidung auf fünf Sekunden unvollständiger Information beruhte.

Ob ein Duft auf dir wirklich anders riecht als auf anderen, ist eine eigene Frage — dazu gibt es mehr Mythen als Belege. Wir haben sie in Riecht ein Parfum auf jedem Menschen anders? auseinandergenommen.

Häufige Fragen

Funktionieren Kaffeebohnen zum Zurücksetzen der Nase?

Nach der vorliegenden Untersuchung nicht. Am Beloit College wurden Kaffeebohnen gegen Zitronenscheiben und gegen einfache Luft getestet (Grosofsky et al., Perceptual and Motor Skills, 2011). Kaffee schnitt nicht besser ab als die beiden anderen Bedingungen. Es gibt auch keine physiologische Erklärung, warum ein weiterer starker Geruch die Rezeptor-Adaptation aufheben sollte.

Warum stehen dann überall Kaffeebohnen in der Parfümerie?

Weil es ein etabliertes Ritual ist. Die Herkunft ist ungeklärt — es kursieren mehrere Erzählungen, keine davon ist historisch belegt. Der Effekt, den Menschen dabei empfinden, gilt als psychologisch: Man macht eine Pause, richtet die Aufmerksamkeit neu aus. Das wirkt, nur eben nicht wegen des Kaffees.

Was hilft stattdessen zwischen zwei Düften?

An der eigenen, unparfümierten Haut riechen — die Innenseite des Ellenbogens ist der übliche Bezugspunkt. Außerdem: frische Luft, eine echte Pause von ein bis zwei Minuten, und innerhalb einer Duftfamilie bleiben statt zwischen sehr unterschiedlichen zu springen.

Wie viele Düfte kann man sinnvoll hintereinander testen?

In der Praxis etwa drei. Danach lässt die Unterscheidungsfähigkeit durch olfaktorische Adaptation deutlich nach. Wer sechs oder acht Düfte in einem Durchgang vergleicht, trifft die Entscheidung faktisch blind.

Reicht es, einen Duft kurz am Handgelenk zu testen?

Nein. In den ersten Sekunden riechst du fast ausschließlich die Kopfnote, den flüchtigsten Teil der Komposition. Nach etwa zwanzig Minuten ist sie weitgehend verschwunden und Herz- sowie Basisnoten treten hervor. Wie sich ein Duft über Stunden entwickelt, lässt sich nur beim Tragen beurteilen.

Funktionieren Wollstoff oder Baumwolle besser als Kaffee?

Diese Alternativen werden in manchen Boutiquen angeboten, sind aber genauso wenig belegt wie die Kaffeebohnen. Es hat keinen Sinn, ein unbelegtes Ritual durch das nächste zu ersetzen. Belegt ist nur, dass Adaptation sich durch das Ende der Exposition zurückbildet, also durch Pause.

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