Wie viele Gerüche kann ein Mensch unterscheiden?

Wie viele Gerüche kann ein Mensch unterscheiden?

In Schulbüchern, Zeitungsartikeln und auf tausend Produktseiten steht dieselbe Zahl: Der Mensch könne rund 10.000 Gerüche unterscheiden. Diese Zahl wurde nie empirisch überprüft. Was danach passierte, ist eine der lehrreichsten Geschichten der Sinnesforschung — und sie endet mit einem ehrlichen „niemand weiß es".

Was wir über SŌLA behaupten

Bewusst wenig: ein Fragrance Mist, geringer konzentriert als ein Parfum, für den ganzen Tag nachlegbar. Keine Pheromone, keine Wirkversprechen. 120 ml, für Haut, Haar und Kleidung.

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Zu den Düften

Die Zahl, die niemand geprüft hat

Die 10.000 stehen seit Jahrzehnten in populärwissenschaftlichen wie in fachlichen Texten. Sie klingen präzise genug, um seriös zu wirken, und rund genug, um sich zu merken. Fast jeder, der schon einmal über Duft gelesen hat, ist ihnen begegnet.

Als 2014 eine Forschergruppe an der Rockefeller University die Sache endlich sauber klären wollte, hielt sie in der Einleitung ihrer eigenen Arbeit fest: In der populär- und fachwissenschaftlichen Literatur werde üblicherweise behauptet, Menschen könnten 10.000 Gerüche unterscheiden — diese Zahl sei nie empirisch validiert worden.

Niemand weiß bis heute genau, wo sie herkommt. Sie war einfach irgendwann da und wurde weitergereicht.

2014: eine Billion

Die Studie von Bushdid, Magnasco, Vosshall und Keller erschien im März 2014 in Science. Ihr Ergebnis war spektakulär: Menschen könnten mindestens eine Billion unterschiedliche Geruchsreize auseinanderhalten. Im englischen Original steht „1 trillion" — was im Deutschen einer Billion entspricht, nicht einer Trillion.

Die Arbeit wurde für „Breakthrough of the Year 2014" nominiert und ging weltweit durch die Presse. Der Vergleich mit den anderen Sinnen wurde dabei gern mitgeliefert: mehrere Millionen unterscheidbare Farben, knapp eine halbe Million Töne — und beim Geruchssinn plötzlich eine Billion. Der lange als schwach geltende Sinn stand auf einmal an der Spitze.

Der Haken steckte im Vorgehen. Die Probanden hatten im Experiment tatsächlich 148 Duftpaare erfolgreich unterschieden. Alles darüber war Hochrechnung mit einer mathematischen Methode.

148

Duftpaare wurden im Experiment tatsächlich unterschieden. Der Rest war Extrapolation.

2015: die Demontage

Ein Jahr später erschienen in eLife zwei unabhängige Arbeiten, die die Hochrechnung auseinandernahmen.

Die zwei Erwiderungen
Meister, On the dimensionality of odor space
eLife 2015
Gerkin & Castro, The number of olfactory stimuli … is still unknown
eLife 2015

Markus Meister zeigt, dass die verwendete mathematische Methode versagt und die Behauptungen damit ohne Grundlage sind. Gerkin und Castro zeigen, dass das Schätzverfahren extrem empfindlich auf Parameter wie die Zahl der Testpersonen reagiert — durch geringfügige Änderungen lässt sich nahezu jeder Wert erzeugen, auch um Zehnerpotenzen größere oder kleinere. elifesciences.org/articles/07865 · 08127

Der eleganteste Einwand von Gerkin und Castro betrifft die Richtung der Aussage. Die verwendete geometrische Analogie liefert eine Obergrenze, keine Untergrenze. Das Ergebnis hätte also lauten müssen: Menschen unterscheiden höchstens etwa 1,72 Billionen Gerüche — nicht mindestens.

Ein Bild dazu: Du zählst die Menschen in den ersten drei Reihen eines Stadions und rechnest daraus die Zuschauerzahl einer kompletten Bundesliga-Saison hoch. Nicht völlig sinnlos. Aber auch nicht die Zahl, die man in die Zeitung setzt.

Was heute gesichert ist

Die ehrliche Antwort auf die Titelfrage lautet: Niemand weiß es. Es gibt keine belastbare Zahl. Die alte war nie geprüft, die neue hält der Prüfung nicht stand.

Was dagegen solide belegt ist, betrifft die Ausstattung: Linda Buck und Richard Axel haben rund 400 verschiedene Rezeptortypen beim Menschen identifiziert, kodiert von etwa 1.000 Genen. Dafür erhielten sie 2004 den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin. Diese Zahl hält.

Und praktisch relevant für dich ist ohnehin etwas anderes: Wie viele Gerüche du theoretisch unterscheiden könntest, spielt im Alltag keine Rolle, wenn deine Rezeptoren nach zwanzig Minuten mit dem eigenen Duft ohnehin abschalten. Dazu mehr in Warum rieche ich mein eigenes Parfum nicht mehr?

Was man daraus mitnehmen sollte

Die Lehre ist nicht, dass Wissenschaft unzuverlässig sei. Im Gegenteil: Das System hat funktioniert. Eine spektakuläre Behauptung wurde veröffentlicht, andere Forschende haben sie geprüft, sie hat nicht gehalten, das wurde ebenfalls veröffentlicht. Genau so soll es laufen.

Die Lehre für dich als Käuferin oder Käufer ist eine andere: In der Duftbranche wird viel behauptet, weil es gut klingt. Zahlen wirken wie Belege, auch wenn niemand sie je überprüft hat. Das gilt für die 10.000 genauso wie für die Kaffeebohnen auf dem Parfümerietresen — dazu haben wir einen eigenen Artikel — und für die halbe Literatur zum Thema Hautchemie, siehe Riecht ein Parfum auf jedem Menschen anders?

Die brauchbarste Gewohnheit ist banal: Frag bei jeder Zahl, woher sie kommt. Wer eine Quelle nennen kann, hat wahrscheinlich eine. Wer ausweicht, hat wahrscheinlich keine.

Das gilt auch für uns. Was wir über SŌLA sagen, ist bewusst klein gehalten: Es ist ein Fragrance Mist, er ist geringer konzentriert als ein Eau de Parfum, du kannst ihn über den Tag nachlegen. Keine Pheromone, keine Wirkung auf Stimmung oder Anziehung, keine Zahlen, die wir nicht belegen können.

Häufige Fragen

Wie viele Gerüche kann ein Mensch unterscheiden?

Es gibt derzeit keine belastbare Zahl. Die verbreitete Angabe von 10.000 wurde nach Darstellung der Forscher, die sie überprüfen wollten, nie empirisch validiert. Eine 2014 in Science veröffentlichte Schätzung von mindestens einer Billion wurde 2015 durch zwei unabhängige Arbeiten in eLife widerlegt. Der ehrliche Stand lautet: unbekannt.

Woher kommt die Zahl 10.000?

Das ist ungeklärt. Sie steht seit Jahrzehnten in populär- und fachwissenschaftlichen Texten, wurde aber nie durch ein Experiment belegt. Die Autoren der Science-Studie von 2014 hielten das in ihrer eigenen Einleitung ausdrücklich fest.

Was war an der Billion-Studie falsch?

Im Experiment wurden tatsächlich 148 Duftpaare unterschieden; alles darüber war Extrapolation. Markus Meister zeigte in eLife (2015), dass die verwendete mathematische Methode versagt. Gerkin und Castro zeigten, dass das Schätzverfahren so empfindlich auf Parameter reagiert, dass sich fast jeder Wert erzeugen lässt — und dass die Methode eine Obergrenze liefert, keine Untergrenze.

Wie viele Riechrezeptoren hat der Mensch?

Rund 400 verschiedene Rezeptortypen, kodiert von etwa 1.000 Genen. Diese Entdeckung geht auf Linda Buck und Richard Axel zurück, die dafür 2004 den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin erhielten. Diese Angabe ist gesichert.

Heißt das, der Geruchssinn ist schlechter als gedacht?

Nein. Es heißt nur, dass die Auflösung des Geruchssinns bislang nicht zuverlässig quantifiziert ist. Zum Vergleich sind die anderen Sinne besser vermessen: Menschen unterscheiden mehrere Millionen Farben und knapp eine halbe Million Töne. Beim Geruch fehlt eine vergleichbar belastbare Zahl.

Ist es eine Billion oder eine Trillion?

Im englischen Original steht „1 trillion", was im deutschen Zahlensystem einer Billion entspricht (10¹²). Eine deutsche Trillion wäre 10¹⁸ und damit um den Faktor eine Million größer. Die Verwechslung ist verbreitet.

 

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